Sonntag, 12. Oktober 2014

Danke. Nicht nur pro forma.


Um der Formulierung der Frage treu zu bleiben: Für die kleinen Dinge, die andere für mich und die Gesellschaft tun, und dafür viel zu selten ein Lächeln oder Anerkennung erhalten. Womit die Frage zwangsläufig auf eine andere hinausläuft:

BEI WEM solltest du dich häufiger bedanken?

Ich halte mich eigentlich für einen höflichen Menschen. Wenn ich meinen USB-Stick im Computerraum vergesse und ihn mir ein Kollege an den Platz bringt, bedanke ich mich. Wenn meine Schüler mir die Tafel wischen, bedanke ich mich (sie könnten sich schließlich auch weigern). Wenn mir jemand Platz macht, weil ich mit 18 Litern sprudel in den Händen auf dem Weg zur Kasse durch einen viel zu schmalen Warengang muss, bedanke ich mich auch. Alles gut eigentlich, oder?

ODER?

Oder ist dieses "Dankeschön" eben nur ein Reflex meiner guten Erziehung? Ein konditioniertes Reiz-Reaktions-Schema? Quid pro quo, eine Hand wäscht die andere? Du tust was für mich, ich zolle dir meine Anerkennung durch ein bis zwei Silben und konditioniere dabei gleichzeitig dich - denn würde ich nicht Danke sagen, würdest du dich ärgern, mich für unhöflich halten und dir vornehmen, das nächste Mal bei einem abgehetzten Typen im schwarzen Kapu einfach genau dort stehenzubleiben, wo du bist, denn die wissen ja auch alle nicht mehr, was Anstand ist. Danke wird also zum Ausdruck der Höflichkeit, die den Kitt in den immer weiter auseinanderklaffenden Fugen des menschlichen Miteinanders darstellt.

Noch bedenklicher wird die situation allerdings, wenn ich die Frage einen Punkt weiterführe:
Was ist mit den Menschen, die etwas für mich tun, bei denen ich mich nicht bedanke? Weil ihre Tätigkeit eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint? Weil ich glaube, dass das Geld, das sie dafür erhalten (mag es auch noch so gering sein) hier die Höflichkeit des Individuums ersetzt?

In meinem Kopf rattert gerade eine lange Liste durch. Als allererstes fielen mir die Menschen ein, die dafür sorgen, dass öffentliche Toiletten in einem vernünftigen Zustand bleiben, an denen aber die meisten viel zu oft vorbeilaufen - vielleicht noch verärgert, dass sie für diese Dienstleistung fünfzig Cent bezahlen sollen (btw: Mal drüber nachgedacht, dass ihr euren Putzfrauen daheim für den gleich Job wesentlich mehr zahlt?)
Dann die Reinigungskräfte in meiner Schule, die tagtäglich und außerhalb unserer Wahrnehmung vermalte Tische, klebrige Fußböden, Papierschnipsel und Essensreste beseitigen - wobei sich die meisten Schüler noch nicht einmal die Frage zu stellen scheinen, wo ihr ganzer aus Langeweile (oder noch schlimmer: Boshaftigkeit) produzierter Schnipselabfall hin verschwindet.
Die Damen (Herren natürlich auch, aber in meinem Supermarkt sitzen nur Frauen an der Kasse), die bis um 9 ausharren, weil ich früher nicht dazu gekommen bin, mich mit Milch einzudecken und die selbst um diese Uhrzeit noch gut gelaunt sind und mir einen schönen Abend wünschen (sogar dann, wenn sie selbst vermutlich keinen mehr haben werden, weil sie noch bis Viertel nach zehn Regale ausräumen müssen.


Und ja, ich geb's zu: Ich bekäm den ganzen Tag das Grinsen nicht aus dem Gesicht, wenn nach dem Unterricht mal ein Schüler zu mir käme und sagen würde: "Herr R., ich kann mir vorstellen, dass der Rechtschreibfürderplan, den Sie da für mich gemacht haben, ne Menge Arbeit war. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie die Zeit in mich investieren. Danke dafür."

Ist es so abwegig, dass es andere Menschen ähnlich gehen könnte? Und kostet ein Danke so viel Zeit und Kraft. Wohl nicht. Aber Überwindung. Weil es doch irgendwie komisch ist, sich als einziger bei jemandem zu bedanken, der einem bei Einbruch der Dämmerung noch das Amazonpäckchen in die Hand drückt.

Ich werde es beim nächsten Mal trotzdem tun. Und hoffen, dass ich der Person ein wenig den Tag versüße.