Sonntag, 2. August 2015

Kleine Unterschiede



Super. Wieder mal so ne Frage, die andere Fragen voraussetzt. Vor allem: Wie sind die meisten Menschen meines Alters denn so?

Lässt sich nicht so einfach beantworten, und wenn man es doch versucht, kann man sich auf heftigen Widerstand einstellen. So wie neulich Tabea Mußgnug in der FAZ feststellen musste, nachdem sie ihr Leben als Endzwanzigerin als eine große Wartehalle bezeichnete - und sei es nur das Warten auf das Ende des mittelmäßigen Krimis. Weil das Leben manchmal einfach verdammt anstrengend und ungewiss ist. Wen heiraten? Keine Ahnung. Schweiß perlt auf ihrer Stirn, der Mund wird trocken vor Torschlusspanik. Ende 20. Und sie weiß nicht, wen sie heiraten wird (oder, um die Passivität der Aussage zu unterstreichen: Wer denn da kommen wird, um sie zu heiraten.) Eine Feststellung so bitter wie der Frühstückskaffee, den die Dame vor lauter schlechten Krimis morgens um 11 auf der WG-Küchenarbeitsplatte wohl hat kalt werden lassen.

 Die Autorin wurde dann auch gleich mal von Filipp Piatov in der 'Welt' mit der Krieg-halt-den-Arsch-hoch-Keule abgewatscht, und zwar volle Breitseite, gespickt mit knappen Infos über seinen Aufsteiger-Alltag im Start-Up (ob hip oder nicht wage ich mal nicht zu beurteilen - das Wort hat durch akute Überbeanspruchung - vor allem in Kombination mit dem Wort 'Start-Up' - ohnehin jede eigenständige Bedeutung abgegeben, aber das nur am Rande). Wer nicht weiß, was er will, hat nur zu viel Zeit zum Nachdenken - und wer zu viel Zeit zum Denken hat, hätte besser mal früher wissen sollen, was er eigentlich will, so der Tenor, auch wenn Herr Piatov mit dem Wort 'eigentlich' ja so seine Probleme hat - genauso wie Frau Mußgnug.

Die Pole der Generation scheinen also, wenn man die beiden Autoren für repräsentativ halten möchte, abgesteckt zwischen unfreiwilliger Resignation auf der einen Seite und arrogantem Macher-Getöne (ja, das mit dem arrogant hat Filipp schon richtig pseudo-selbstkritisch aufgearbeitet) auf der anderen Seite. Die einen suchen händeringend nach Sicherheit, nach einer Boje im Meer der Möglichkeiten, an die sich sich festklammern können, wenn denn schon kein rettendes Ufer der Entscheidung in Sicht ist, während bei den anderen ein nicht ganz unverhohlener Neid auf diejenigen durchschimmert, die keine 14-Stunden-Schichten schieben müssen, um die Karriere voranzutreiben (Zitat: F.P.: "Die Abende mit Serien zu verbringen und sich darum zu sorgen, bald mal selbst Geld verdienen zu müssen, ist unfassbarer Luxus.") Dabei kommen die beiden ganz einfach auf einen gemeinsamen Nenner.

Was die beiden bei genauem Lesen vereint, ist die Tatsache, dass beide unzufrieden sind, dass beide genau das wollen, was der andere jeweils hat, wobei ihnen gleichzeitig entweder die Antriebskraft oder die Gelassenheit fehlt, um sich vom jeweils anderen eine Scheibe abzuschneiden. Entweder Zeit für Müßiggang und die schönen Dinge des Lebens (ja, auch mittelmäßige Krimis können darunter fallen) oder eine Perspektive, das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, sein Leben im Griff zu haben.

Ich mag mich täuschen, aber ich habe das Gefühl, genau darin liegt die Krux: Dass vielen der Mitt- und Endzwanziger diese beiden Extreme als unvereinbar erscheinen, als gäbe es kein gesundes Mittel mehr, das einem eine erfüllende berufliche Perspektive mit dem nötigen Touch Work-Life-Balance offeriert, der einem die Chance eröffnet, nicht den Festplattenrecorder  mit 17 noch nicht angesehenen Folgen der Lieblingsserie zu überstrapazieren, sondern sie innerhalb der einen Woche zu schauen, die sie noch in der Online-Mediathek stehen (was an sich ja schon ein Kompromiss ist - wer kommt schon noch dazu, die Episoden zur mittlerweile zum Abstraktum verkommenen 'Sendezeit' zu schauen?).

Vielleicht liegt das Problem also weniger in "unserer" Generation an sich als in dem Anspruch, der an uns herangetragen wird - an dieser stelle fügen Sie, liebe Leser, bitte gedanklich ein Arbeitsmarktbashing ihrer Wahl ein, ich bin gerade nicht in Stimmung für eine Moritat auf Bologna und unbezahlte Praktika in allen Details. Aber die oben beschriebenen Haltungen scheinen mir doch eine direkte Konsequenz aus dem internalisierten Leistungsdruck, den man jungen Menschen heute aufbürdet, dieses Friss oder Stirb, das uns aus allen Kanälen entgegenschallt, bis man es irgendwann selbst glaubt. Ich kann weder Herrn Piatov noch für Frau Mußgnug für ihre Haltung verurteilen - der Glaube, dass nur noch Leistung auch unter völliger Selbstaufopferung zählt wie auch die unbewusste Verweigerung, sich diesem Druck zu beugen, indem man in bester Zukunftsprokrastinationsmanier eben gegen den Berufseinstieg verwehrt, scheinen mir beide logische Konsequenzen.

Das Traurige ist, dass sie beide nur von unterschiedlichen Ängsten getrieben werden: Entweder der Angst, sich zu entscheiden und diese Entscheidung später zu bereuen oder der Angst, dass es morgen schon für all meine Träume zu spät sein könnte, weswegen ich sie nicht nur heute, sondern jetzt, jetzt sofort leben muss. Dass beides in der oben angesprochenen Unzufriedenheit mündet, ist eine logische Konsequenz.

Angst und Unzufriedenheit als Motoren einer Generation. Klingt verdammt zukunftspessimistisch, wenn man sich überlegt, was aus diesen Menschen in dreißig Jahren geworden sein könnte. Aber genau da endet auch mein Pessimismus: Im Konjunktiv des könnte. Weil ich glaube, dass die meisten ihre Unzufriedenheit und ihre Ängste überwinden können und den Sprung schaffen - ins Berufsleben hinein oder aus dem reinen Berufsleben hinaus in etwas mehr Ausgeglichenheit.

Epilog

Bringt mich zurück zur eigentlichen Frage. Ich glaube, ich habe das Glück, mein 'Dazwischen' gefunden zu haben. Nicht, dass mein Job immer stressfrei ist, ganz im Gegenteil. Aber ich weiß, wann es genug ist und ich einen Gang zurückschalten muss. Ich bin angekommen jenseits des Entweder-Oders. Und ich glaube, das unterscheidet mich von vielen.


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